Portrait der Firma

Das Buch- und Kunstantiquariat Robert Wölfle wurde 1775 in Ingolstadt gegründet und wanderte mit der bayerischen Landesuniversität über Landshut nach Freising und München. Die Firma ist seit nunmehr 225 Jahren in Familienbesitz und wird heute von Dr. Christine Grahamer geführt. Schwerpunkte sind München und Bayern in Wort und Bild, Originalgraphik bayerischer Künstler, schöne und seltene Bücher aller Gebiete sowie alte Kinderbücher. Kataloge werden auf Anforderung gerne versandt.

The book and antiques and fine art dealer Robert Wölfle was founded in 1775 in Ingolstadt and moved with the Bavarian State University to Freising and Munich. The company has been in the family for over 225 years and is currently run by Dr. Christine Grahamer. Emphasis is in Munich and Bavaria in words and pictures, original prints by Bavarian artists, beautiful and rare books of all areas as well as children's books. Catalogs will gladly be sent upon request.




Zeitzeugin eines Jahrhunderts
Dr. Lotte Roth-Wölfle 1912 - 2011


In der Nacht vom 28. auf den 29. April 2011 verstarb die bekannte Münchner Antiquarin Dr. Lotte Roth-Wölfle in ihrem 100. Lebensjahr. Am Tag vorher war das Ladengeschäft des Buch- und Kunstantiquariats Robert Wölfle in der Amalienstraße nach umfangreichen Renovierungsarbeiten von Franziska Bierl neu eröffnet und vorgestellt worden. Dr. Lotte Roth-Wölfle hatte sich darauf gefreut, die neuen Räumlichkeiten, darunter auch die der weiter dort bestehenden Robert Wölfle KG, zu besichtigen. Sie konnte nicht mehr kommen, aber sie wusste, das Haus war bestellt.

Dr. Lotte Roth-Wölfle hat in vielerlei Hinsicht Antiquariatsgeschichte geschrieben. Sie war langjähriges Ehrenmitglied des Verbandes Deutscher Antiquare e.V. und wohl die an Lebensjahren älteste Antiquarin in Deutschland, wenn nicht in Europa.

Sie stammte aus einer alten Buchhändler- und Verlegerfamilie, deren Anfänge bis in das Jahr 1775 zurückgehen und die - eng verknüpft mit der bayerischen Landesuniversität - von Ingolstadt über Landshut und Freising nach München kam. Geboren in Freising, kam sie 1928 mit der Familie nach München, absolvierte eine Lehre im väterlichen Antiquariat Robert Wölfle und begann nach einer Begabtenprüfung das Studium der Zeitungswissenschaft, Volkswirtschaft und Geschichte, das sie 1942 mit einer Dissertation über die Geschichte der Zeitungstypographie mit "summa cum laude" abschloss. In den Jahren 1938-1942 arbeitete sie im Antiquariat August Hase in Frankfurt und bekam einen tiefen und prägenden Einblick in das großbürgerliche, jüdisch geprägte Kulturleben, dem sie bleibende Verbindungen und Freundschaften verdankte.

Im Januar 1943 starb ihr Vater Robert Wölfle; einen Monat später heiratete sie Dr. Anton Roth, der als Stabsarzt kurzen Urlaub von der Ostfront hatte. Trotz großer Kriegsverluste hielt sie zusammen mit ihrer älteren Schwester Gertrud Wölfle den Geschäftsbetrieb bis zum Zusammenbruch im Mai 1945 aufrecht. Noch im gleichen Monat erhielten die Schwestern von der amerikanischen Militärregierung als eine der ersten bayerischen Buchhandlungen die Bestätigung zur weiteren Ausübung ihres Gewerbes. Nach dem Krieg war es vor allem Dr. Lotte Roth-Wölfle, die durch ihre vielfältigen Auslandskontakte die Firma zu internationalem Ansehen führte, während ihre ältere Schwester Gertrud unbeirrbar bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 2000 im Geschäft die Stellung hielt. Die beiden Schwestern galten als Münchner Institution.

Dr. Lotte Roth-Wölfle war über lange Jahre eine führende Persönlichkeit im deutschen Antiquariat und Kunsthandel. Sie hatte zahlreiche Ehrenämter in den Berufsverbänden inne und war als streitbare und redegewandte Kämpferin bekannt. Stets setzte sie sich mutig für ihre Prinzipien ein und ließ sich durch nichts und niemand einschüchtern. Für den Verband Deutscher Antiquare e.V. redigierte sie viele Jahre lang den "Gemeinschaftskatalog Deutscher Antiquare" und war bis 2011 maßgeblich am 1971 gegründeten "Fortbildungsseminar für Antiquare" beteiligt, von den jungen Kollegen bewundert und verehrt. Von 1957 bis 1992 war sie für die "Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse" im Haus der Kunst, später Kunst-Messe München, im Vorstand und in Ausschüssen tätig. Diese von Konsul Otto Bernheimer gegründete Messe lag ihr immer besonders am Herzen.

Ein weiteres Lieblingskind war "ihre" Mappe, die 1926 von Hofrat Anton Maximilian Pachinger gegründete "Freie gesellige Vereinigung Die Mappe", der sie bis zuletzt als Präsidentin vorstand. Sie gestaltete Jahresprogramme mit Vorträgen und Vorzeigungen von Originalen und verstand es immer wieder, wichtige Sammler als Referenten für die Abende im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz zu gewinnen. Zur Geschichte der Mappe gab sie zwei Publikationen heraus, die dem Thema "Sammeln und Bewahren" gewidmet sind.

Zu ihrem 70. Geburtstag publizierte ihre Tochter Dr. Christine Grahamer den Band "Bücher - Blätter - Bibliotheken. Schriften einer Antiquarin", der ihre gesammelten Aufsätze enthält und ein Spiegelbild ihrer vielseitigen Interessen ist. Eine Monographie mit Werkverzeichnis ihres Onkels, des Illustrators Alphons Woelfle, veröffentlichte sie 1999. Zu ihrem 90. Geburtstag im Jahr 2002 erschien im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel "Aus dem Antiquariat" die dreiteilige Folge "BücherLeben. Erinnerungen einer Antiquarin". Sie schreibt in der Einleitung: "Als Zeitzeugin will ich versuchen, die Ereignisse und den Geist der Zeit durch die Brille einer Antiquarin, die ihre Bücher liebt und über sie forscht, zu sehen."

Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, das sie mit Stolz trug, erhielt sie für Ihre Leistung, nach dem Zusammenbruch im Jahr 1945 die Bevölkerung von Neuburg/Donau durch eine Anti-Nazi-Ausstellung und Vorträge zu motivieren, NS-Literatur und Embleme nicht zu vernichten, sondern abzuliefern. Diese Sammlung bildete später den Grundstock für die Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte in München.

Dr. Lotte Roth-Wölfle war eine leidenschaftliche Antiquarin. Viele große und bedeutende Bücher und Werke der Graphik sind durch ihre Hände gegangen, aber auch viele Kleinschriften und Objekte für den jungen Sammler. Ihr Arbeitseifer, aber auch ihr Interesse für alle Themen des Antiquariats, blieb bis ins hohe Alter ungebrochen. Ebenso ihre Neugier, die wie ihr Formbewusstsein als kreative Tugend zu verstehen ist. Noch diesen Winter hat sie eifrig Kataloge studiert und sich gerne über Neuigkeiten aus dem Kollegenkreis unterhalten. Ihr Wissen, Ihr Engagement und ihre Großzügigkeit machte sie bei Kollegen und Kunden im In- und Ausland zu einer geschätzten Persönlichkeit. Mit ihr geht eine Ära zu Ende.

Mehr Informationen
Artikel Börsenblatt.net
Artikel Verband Deutscher Antiquare
Artikel auf ILAB.org
Artikel auf Wikipedia